SI & Psychiatrie

Grundannahmen der Theorie der sensorischen Integration

Ayres geht davon aus, dass auf einer höheren Ebene kognitive Funktionen wie Konzentrationsfähigkeit, Lernvermögen, abstraktes Denken und Handlungsplanung nur angemessen arbeiten können, wenn auf einer basaleren Ebene die verschiedenen Sinnessysteme gut miteinander integriert sind. Der Begriff der sensorischen Integration beschreibt dabei das Ordnen, Koordinieren und Verknüpfen von verschiedenen Sinneseindrücken. Ayres hebt in ihrem Konzept drei Sinnessysteme als basale Sinne hervor:

Das taktile Systemder Tastsinn
Das vestibuläre System der Gleichgewichtssinn
Das propriozeptive Systemdie Körpereigenwahrnehmung
  1. Hierarchische Struktur des Zentralnervensystems: Das ZNS ist hierarchisch organisiert, die tiefer liegenden und phylogenetisch älteren Strukturen müssen angemessen funktionieren, damit auch höher, komplexere und phylogenetisch jüngere Strukturen reibungslos arbeiten können. Der Prozess der sensorischen Integration erfolgt nach Ayres überwiegend auf der Ebene des Hirnstamms, d.h. auf einer sehr elementaren Ebene.
  2. Neuronale Plastizität: Das Gehirn ist in seiner Funktionsweise nicht von vorne herein festgelegt, vielmehr können sich neuronale Verarbeitungsprozesse aufgrund von Erfahrungen verändern. Es besteht eine erstaunliche neuronale Plastizität, das Gehirn strukturiert sich auf der Grundlage der neuralen Aktivitäten permanent neu. Diese Grundannahme ist besonders wichtig für die Therapie, bei der eine gezielte und dosierte Reizzufuhr langfristig neuronale Verarbeitungsprozesse verändern soll.
  3. Inhibition und Fazilitation: Grundlegend für den Prozess der sensorischen Integration ist die Unterscheidung wichtiger und unwichtiger Informationen, denn das Gehirn wäre einem permanenten Bombardement von sensorischen Eindrücken ausgesetzt, wenn diese nicht gefiltert würden. Dazu müssen die Eindrücke aus verschiedenen Sinnesmodalitäten in bestimmten Strukturen zusammentreffen und miteinander verrechnet werden. Hier wird die Weiterleitung von wichtigen Informationen gebahnt (Bahnung bzw. Fazilitation), während unwichtige Informationen unterdrückt werden (Hemmung bzw. Inhibition).
  4. Der innere Antrieb: Ayres geht davon aus, dass jedes Kind über einen inneren Antrieb verfügt, sich genau die sensorische Stimulation zu suchen, die den Anforderungen seiner Entwicklungsebene der sensorischen Integration entspricht und die in der jeweiligen Handlungs- bzw. Spielsituation benötigt wird. Dabei kommt es zu einem Kreisprozess: Aufgrund seines inneren Antriebes sucht sich das Kind geeignete vestibuläre, propriozeptive und taktile Stimulation. Dies führt zu einer verbesserten sensorischen Integration, was weiterhin zu einer besseren Handlungsplanung und zu angepasstem, den Handlungsanforderungen entsprechendem Verhalten führt. Erfolgreiches und adaptives Verhalten ist mit einem kontinuierlichen Feedback über die Entstehung (Erzeugungsfeedback) und den Erfolg (Erfolgsfeedback) einer Handlung verknüpft. Dieses Feedback stellt selbst wiederum eine sensorische Stimulation dar, welche die sensorische Integration verbessert usw.
  5. Die Entwicklungssequenz im Prozess der sensorischen Integration: Der Prozess der sensorischen Integration vollzieht sich durch die wechselseitige Veränderung und Beeinflussung des Organismus des Kindes und seiner Umwelt. Es müssen entsprechende Angebote zur Verfügung stehen, damit das Kind eine angemessene Stimulation für die basalen Sinne finden kann. In ihrer Beschreibung des Prozesses der sensorischen Integration knüpft Ayres an Stufenmodelle zur kindlichen Entwicklung an, obwohl es sich bei den Ebenen der sensorischen Integration nicht um Stufen im eigentlichen Sinne handelt. Vielmehr gibt es fließende Übergänge: Integrationsprozesse auf einer elementaren Ebene werden fortgesetzt und müssen beständig gefestigt werden, während sich Verknüpfungen auf einer höheren Ebene erst allmählich entwickeln.
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